Sicht der Belegschaft auf die Stellungnahme der Chefin.

Für alle die diese Stellungnahme noch nicht kennen: hier.

Lager nur zugänglich für Kellner_innen und gesamte Crew entlassen?

Im „Trotzdem“ arbeiten insgesamt sieben Leute, die Chefin und sechs Angestellte. Neben den drei gefeuerten Kellner_innen hatten mindestens drei weitere Beschäftigte im Betrieb sowie diverse andere Personen Zugang zum Lager. Es wurden also definitiv nicht alle möglichen Diebstahlquellen ausgeschlossen und es kann auch nicht von einer Entlassung der ganzen Crew gesprochen werden, sondern nur von der halben. Und rein zufällig genau die Hälfte, die gewerkschaftlich organisiert ist.

Kündigungsgespräche

Die Kündigung wurde dem ersten Kellner in einem ca. 15 bis 20 minütigen Gespräch mitgeteilt während er Dienst hatte. Dieser sah sich dann gezwungen die zweite gekündigte Kellnerin ins Lokal zu bitten, damit er mit dieser Information nicht allein umgehen muss. Das Gespräch mit der zweiten Kellnerin dauerte ca. 30 Minuten. In beiden Gesprächen wurden die Diebstähle erwähnt und mehrfach seitens der Chefin unterstrichen, dass die Kündigungen nichts mit den Diebstählen zu tun hätten. Stattdessen wurden betriebswirtschaftliche Überlegungen genannt und, dass der Freund der Familie „vor gehe“ (dieser soll die drei gekündigten Kolleg_innen ersetzen). Die betriebswirtschaftlichen Rechtfertigungen stellten sich bei Prüfung im Nachgang als schlicht erfunden heraus.

Der dritte Kellner wurde zu Hause besucht, da er ist zur Zeit länger krankgeschrieben und leider sehr immobil. D.h. die Chefin kommt zu dir in die Wohnung und spricht dir die Kündigung aus. Inwieweit in allen drei Fällen von „Verständnis für die Situation“ gesprochen werden kann, ist schon sehr fragwürdig. Die jeweiligen Situationen stellten schlicht eine hohe emotionale Belastung dar, in der das Machtverhältnis zu Gunsten der Chefin ausfiel. Auch entspricht es nicht der Wahrheit, dass alle drei Kolleg_innen mit dem Fakt des Diebstahls konfrontiert wurden. Der dritte Kellner erfuhr erst durch die schriftliche Kündigung von diesem Grund.

Insgesamt halten wir das Vorgehen der Chefin zum einen für moralisch fragwürdig, da Sippenhaft wohl eher in anderen Jahrhunderten üblich war. Zum anderen erfüllt die Aussage „Einer oder mehrere von euch klauen, wir wissen nur nicht wer.“ unserer Meinung nach den Tatbestand der Verleumdung. Inwieweit wir dagegen vorgehen werden, müssen wir noch beraten.

Wie häufig in solchen Konfliktsituationen zeigen sich mehrere Blickwinkel, doch sollten zur Beurteilung die feststehenden Tatsachen betrachtet werden und nicht nur die gefühlten Ungerechtigkeiten.

Warum wir einen Kauf den Kneipe angeboten haben

Wie in verschiedenen Medienberichten und Diskussionsbeiträgen bereits erwähnt, ist Johanna Kalex als Anarchistin in weiten Teilen der Neustadt bekannt. Der aktuelle betriebliche Konflikt zeigt unserer Meinung nach jedoch klar auf, welche Probleme sich aus einer wirtschaftlich ungleichen Beziehung in einem Betrieb ergeben. So wie wir als Belegschaft einen Haustarif fordern müssen, aktuell dafür streiken und ein Interesse am Erhalt unseres Arbeitsplatzes haben, so muss die Chefin ein Interesse daran haben eine billige, ihre Autorität anerkennende Belegschaft zu haben.

Aktuell sehen wir, wie sich diese wirtschaftlichen Zwänge und Interessengegensätze auf soziale Beziehungen auswirken. Mit einem regulären Rauswurf hätte das Trotzdem ohnehin viele seiner Gäste verloren. Die Kündigung einfach hin zu nehmen hätte bedeutet unsere berechtigten Interessen als Belegschaft zu verleugnen. Wir würden gerne in genau diesem Betrieb und mit unseren jetzigen Kolleg_innen weiter arbeiten. Die Alternative der Umwandlung in einen Kollektivbetrieb war und ist deshalb lediglich ein Kompromissvorschlag von dem wir hofften, er würde allen Interessen am besten Genüge tun.

Wir hoffen ein bisschen zur Wahrheitsfindung beigetragen zu haben und stehen für Rückfragen gern zur Verfügung.

… eure drei gekündigten Kellner_innen …


5 Antworten auf „Sicht der Belegschaft auf die Stellungnahme der Chefin.“


  1. 1 NoSlavesNoMaster 03. Februar 2014 um 12:57 Uhr

    Heyho Liebe Streikenden,
    von mir erstmal anonyme Soli-bekundung.
    Was ich nicht so ganz verstehe, wie zur Hölle kann sich eine Person, die sich Anarchist_in nennt, überhaupt vor sich selbst rechtfertigen Menschen durch Arbeitsverträge an sich zu binden?
    Ich meine ne linke Kneipe, ist ja cool, aber sowass gehört als Kollektiv organisiert.
    Jeder darf sich „Chef“, „Boss“, „CEO“ oder „Eigentümer“ nennen, solangs nur bei dem Namen bleibt :P
    Solange jeder vor dem Kollektiv sein Handeln rechtfertigen kann, und jedes Handeln sich direkt auf das Kollektiv auswirkt, kommt es weder zu Diebstählen noch zu irgendeiner Vetternwirtschaft oder gar einem Gewerkschafter-Arbeitgeber Konflikt…

    Man ey, diese Welt ist doch wohl kaputt…
    Solidarität von der Weser
    (A)

  2. 2 Andi 03. Februar 2014 um 21:31 Uhr

    Viel Erfolg bei dem Streik, ich werde das Trotzdem erstmal meiden. Das sind ja nun äußerst dubiose Kündigungen, und das in einer Kneipe, die nicht unwesentlich von ihrem linken Image lebt.

  3. 3 arschnonymous 04. Februar 2014 um 19:44 Uhr

    das haus wird komplett verkauft btw. und der käufer möchte die kneipe nicht haben. nur so zur info.

  4. 4 lesenderarbeiter 05. Februar 2014 um 1:12 Uhr

    Hallo,
    die Vorstellung, wenn vor dem Kollektiv jder sein Handeln rechtfertigen kann, und jedes Handeln sich direkt auf das Kollektiv auswirkt, kommt es weder zu Diebstählen noch zu irgendeiner Vetternwirtschaft oder gar einem Gewerkschafter-Arbeitgeber Konflikt“ ist völlig naiv. Wir leben im Kapitalismus und da muss sich jedes Unternehmen, ob kollektiv oder nicht verwerten. Dass heißt, es muss die Ware Arbeitskraft der Mitarbeiter_innen ausbeuten. Daher gibt es einen Interessenkonflikt und der sollte auch im Klassenkampf zwischen Bossen, ob kollektiv oder nicht und Lohnabhängigen ausgetragen werden. Alles andere wäre nur illusionär und würde Sand über das Wesen des Kapitalismus in die Augen streuen.

  1. 1 Update: Vollstreik in Dresden « Anarchistische Gruppe Düsseldorf (AG-D) Pingback am 02. Februar 2014 um 22:39 Uhr
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